Bezahlbarer Wohnraum braucht Zusammenarbeit von Stadt und Land

26. November 2019

Der mainfränkische SPD Landtagsabgeordnete Volkmar Halbleib und die wohnungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Natascha Kohnen hatten eingeladen zum wohnungspolitischen Fachgespräch, Das Thema „Wohnraum schaffen in Stadt und Land – gemeinsam und bezahlbar?!“ lockte rund 50 Interessierte aus Kommunalpolitik Wohnungswirtschaft und Bauinitiativen Würzburger Kulturspeicher.

„Wohnen ist heute die neue soziale Frage. Es sind die fatalen Fehler der 1990er Jahre, die uns jetzt auf die Füße fallen, als wir alle dachten, Deutschland habe ausgebaut und statt weiteren Wohnraums bräuchten wir nur Pflegeheime“, so die ehrliche Einschätzung von Kohnen. Heute seien die deshalb entstandene Knappheit und der Mangel an sozial geförderten Wohnungen Nährboden für Spekulanten und explodierende Preise auf dem Wohnungsmarkt.

Das zeige sich auch uns gerade in Würzburg, wo ein überproportionaler Anstieg der Mieten zu verzeichnen sei.

Fachgespräch Wohnen
Nahmen am wohnungspolitischen Fachgespräch der SPD-Landtagsfraktion teil (von links): Hans Sartoris, Dieter Möhring, Kerstin Westphal, Kalliopi Garouba, Alexander Kolbow, Natascha Kohnen, Christine Haupt-Kreutzer, Volkmar Halbleib. (Foto: Traudl Baumeister)

Begegnen müsse man dem durch die deutliche höhere Förderung von bezahlbaren Wohnungen. Hier passiere gerade in Bayern noch viel zu wenig, vom Verkauf staatseigener GBW-Wohnungen mal ganz abgesehen. Notwendig seien aber auch neue politische Instrumente für die Aktivierung von Bauland wie die Grundsteuer C für unbebaute Baugrundstücke und eine Bodenzuwachssteuer.

Für SPD-Fraktionsvorsitzenden in Würzburg Alexander Kolbow und SPD-Oberbürgermeisterkandidatin Kerstin Westphal sind auch neue Rahmenbedingungen durch die Kommunen erforderlich. Statt an den Meistbietenden zu verkaufen, sollten diejenigen bevorzugt, die auf eine gute soziale Mischung in Wohnquartieren, ausreichend bezahlbare Wohnungen und niedrigen Energieverbrauch achten. Oder eben kommunale Flächen gar nicht zu verkaufen, sondern in Erbpacht bebauen zu lassen, Baugrundstücke damit in eigener Hand zu halten und so Einfluss auf die Preisgestaltung zu haben, wie Kohnen ergänzte. Die entscheidende Frage sei, so Hans Sartoris, Geschäftsführer der Stadtbau: „Wem gehört die Stadt?“ Gelinge es bei einem Anstieg der Mieten nicht mehr, allen Menschen bezahlbaren Wohnraum zu verschaffen, gefährde das die soziale Stabilität einer Stadt und Region.

Um den ungebremsten Anstieg der Mietpreise zu stoppen, bis ausreichend Wohnraum geschaffen ist, rief Kohnen dazu auf, das derzeit laufende Volksbegehren für einen sechsjährigen Mietenstopp, zu unterstützen, um Mieter in den 162 Bayerischen Kommunen mit angespanntem Mietmarkt zu schützen, zu denen auch Würzburg zählt. Das Konzept der Hofheimer Allianz stellte Bürgermeister Dieter Möhring (Aidhausen) vor. In den 53 Orten der Allianz leben rund 15.000 Menschen, etwa 50 pro Quadratkilometer.1,7 Millionen Euro investierte die Allianz bisher, um den Wegzug aus der Ortsmitte, sowie den Leerstand in den Ortskernen zu bekämpfen. Das Geld floss direkt an die Familien, die bereit waren, im Altort zu wohnen und diesen so wieder zum Leben zu erwecken.

Möhring zeigte die andere Seite der Grundstücksspekulation auf. Unbebaute Grundstücke auf dem Land würden noch für Enkel aufgehoben, die oft selbst schon Großeltern sind, weil sich in Niedrigzinszeiten mit dem Geld aus dem Verkauf nichts anfangen lasse. Mit viel Zeit, Geduld und Gesprächen sei es mittlerweile in Aidhausen gelungen, die Zahl der Leerstände auf fünf zu senken: „Drei sind absolute Verkaufsverweigerer, zwei nicht mehr zu sanieren.“ Vorbildlich ist das auch in Sachen Flächenverbrauch: Statt neue Baugebiete auszuweisen, habe man 42 Hektar durch zurückgenommene Baugebiete gespart, so Möhring. Derzeit sucht er das Gespräch mit alleinlebenden Senioren, um sie zum Umzug in die neue, örtliche Senioren-Wohngemeinschaft zu vermitteln und ihre Häuser jungen Familien zu öffnen.

Großen Stellenwert nahmen beim Fachgespräch auch neue Wohnformen ein. Christine Haupt-Kreutzer warb für flächensparende Baugemeinschaften in Stadt und Land. Wie Menschen günstiger an Wohneigentum kommen – und mit innovativen, offenen Konzepten ins jeweilige Quartier ausstrahlen, das erläuterte Kalliopi Garouba aus München, in der Projektbegleitung für Baugemeinschaften unterwegs. Wie attraktiv diese moderne Form großfamilienähnlichen Wohnens für viele Menschen auch in Würzburg wäre, zeigte sich bei den abschließenden Fragen aus dem Publikum, bei dem mehrere Teilnehmer, das Fehlen solcher und ähnlicher innovativer Konzepte bedauerten.

Teilen