Vor allem fehlen Wohnungen für den Neuanfang – und das Wissen um Hilfe

27. Mai 2021

Fünf Ideen um die Gewaltspirale zu durchbrechen

Ausbau der Frauenhausplätze, Verbesserung der Beratungs- und Personalstruktur, verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, mehr bezahlbare Wohnmöglichkeiten, Hinterfragen von Rollenbildern in Richtung Gleichstellung, - das würde helfen, Frauen besser vor Gewalt und Diskriminierung zu schützen. Dies war das Resümee eines öffentlichen Online-Fachgesprächs, zu dem der mainfränkische SPD-Landtagsabgeordnete Volkmar Halbleib und seine Kollegin Ruth Müller, frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, eingeladen hatten.

Teilnehmerinnen am Online-Fachgespräch „Female lives matter“ auf Einladung von Volkmar Halbleib. Foto: Joshua Lemmerer
Teilnehmerinnen am Online-Fachgespräch „Female lives matter“ auf Einladung von Volkmar Halbleib. Foto: Joshua Lemmerer

Stimmungswandel: Wer schlägt, der geht

Beim Schutz für Frauen (und ihre Kinder) vor häuslicher Gewalt hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Während noch in den 1970er Jahren vielerorts die Notwendigkeit von Frauenhäusern verneint wurde, zeigen das Gewaltschutzgesetz („wer schlägt geht, nicht wer geschlagen wird“) und die vor zehn Jahren verabschiedete Istanbul-Konvention mittlerweile deutliche Wirkung. Die Notwendigkeit von Schutzhäusern sowie vorbeugender Beratung würden heute von Kommunen und Landkreis anerkannt, was es leichter mache, Hilfen bedarfsgerecht auszubauen, fasste die Würzburger Sozialreferentin Hülya Düber die positiven Erfahrungen aller Teilnehmerinnen zusammen. 19,44 Plätze für Frauen werden derzeit als Bedarf in der Region 2 angenommen, zu der die Landkreise Würzburg, Kitzingen, Main-Spessart sowie die Stadt Würzburg gehören.

Beweis des Stimmungswandels in der Region ist der einstimmige Beschluss für die Erweiterung von einstmals sechs auf zehn und demnächst 13 Plätze im AWO Frauenhaus. Dass man im Landkreis Würzburg sogar über ein weiteres Frauenhaus nachdenkt – neben den im Würzburger Modell vereinten Frauenhäusern von AWO und SkF -, betonte die stellvertretende SPD-Landrätin Christine Haupt-Kreutzer, stehe diesem Beschluss keineswegs entgegen.

Sichtbares Frauenhaus als ergänzendes Konzept

Vielmehr wolle man mit dem sogenannten sichtbaren Frauenhaus mitten im Dorf die anonymen Frauenhäuser durch eine innovative zusätzliche Wohnmöglichkeiten ergänzen. „Mir ist es wichtig, dass jede Frau gehen kann, wenn sie sich dazu entschlossen hat“, so die Landrätin, die damit Freya Altenhöner, der Vorsitzenden der WürzburgSPD, und MdL Ruth Müller aus dem Herzen sprach: „Wir haben schließlich das Recht auf einen Platz im Frauenhaus im Wahlprogramm.“ Den errechneten Bedarf müsse man kritisch überprüfen. Allen Verbesserungen zum Trotz, auch das berichteten alle übereinstimmend, seien die Hilfesysteme zeitweise überlastet, fließe zu viel Zeit und Energie in die Suche nach verfügbaren Plätzen (118 Frauen mussten 2020 an andere Häuser weitervermittelt werden), fehlten Personalstunden zum Bewältigen der vielfältigen Aufgaben.

Vier von fünf Frauen finden keine eigene Anschlusswohnung

Noch aufwändiger und in vier von fünf Fällen nicht erfolgreich, gestaltet sich die Suche nach einer eigenen Anschlusswohnung für Mütter, die den ersten Schritt aus einer Gewaltbeziehung heraus bewältigt haben. Mit Übergangswohnungen (= Second stage-Projekt) und beratender Unterstützung versucht man in der Region zwar diesem Problem zu begegnen. Aber gerade bei multiplen Problemlagen kämen Hilfen zu spät an: Schlecht nicht nur für die Betroffenen, sondern auch fiskalisch, so Düber. Hier brauche es nicht nur zuverlässige Verstetigung von Programmen, sondern auch einen finanziellen Schulterschluss von Staat und Kommunen, mit dem Ziel allen Frauen das Recht auf ein gewaltfreies Leben zu garantieren, bestätigt Ruth Müller.

Anna Elisabeth Thieser, SkF Bereichsleitung Frauen und Sozialberatung, schlug in diesem Sinn den Partnerinnen im Netzwerk vor, „mutig unsere Themen immer wieder neu zu denken“ und die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Heidi Wright ergänzte: „Gerade weil sich immer wieder neue Problemlagen auftun, brauchen wir immer wieder neue Konzepte.“

Frauen stärken ist auch Gewaltprävention

Dazu gehöre zwingend auch, forderten Altenhöner, aber auch Petra Müller-Merz, die Würzburger Gleichstellungsbeauftragte, alte Rollenbilder zu hinterfragen. Häusliche Gewalt sei Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern. „Deshalb ist Gleichstellungsarbeit und Stärkung der Selbstständigkeit der Frau auch Gewaltprävention.“

Hintergrund

Mehr häusliche Gewalt durch Corona?

Begrenzte Freiheit, Isolation, Verbote und ständige Kontrolle - für Frauen, die in ein Frauenhaus flüchten, ist das, was durch Corona viele neu kennengelernt haben, oftmals schon über sehr lange Zeit Alltag. „Das, was ich innen kenne, ist jetzt auch außen“, zitierte Elisabeth Kirchner, von der Beratungsstelle Wildwasser eine Betroffene. Wobei, betont die Fachfrau, die Verletzungen der inneren Freiheit – von Geld- und Freiheitsentzug, Demütigungen, über Schläge bis hin zu Folter - sich psychisch viel stärker auswirken als vorübergehende äußere Einschränkungen.

Anhand der Datengrundlage, die Carolin Rothaug, Beauftragte für Kriminalitätsopfer bei der Polizei, mit in die Gesprächsrunde gebracht hatte, ließ sich zwar 2020 Jahr kein Anstieg der bei der Polizei registrierten Fälle häuslicher Gewalt In Unterfranken feststellen – von 2018-2020 lag die Zahl nahezu konstant bei rund 1.900 pro Jahr (rund 20.000 bayernweit). Aber so Rothaug: „Wir wissen auch: Die Dunkelziffer ist hoch und wir als Polizei sind meist nicht die ersten Ansprechpartner.“

Folgen der Pandemie verstärken den Druck auf Familiensysteme

In der Pandemie, bestätigt Anna Elisabeth Thieser, Bereichsleiterin Frauen- und Sozialberatung beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), „hat der Druck auf die Familiensysteme zugenommen und gleichzeitig ist Entlastendes weggefallen.“ Die Verlagerung von Schule und/oder Arbeiten in die eigenen vier Wände, existentielle Sorgen durch Kurzarbeit oder Jobverlust und der Wegfall entlastender Gesprächskontakte erzeugten zusätzlich Stress, der wiederum Gewalt förderte.

Dass sich in den Frauenhäusern trotzdem kein Anstieg der Fallzahlen zeigte, habe verschiedene Gründe. Neben der Angst vor Ansteckung und der fehlenden Fluchtmöglichkeit während der Corona-Einschränkungen, fehle mancher Frau neben Homeschooling und Homeoffice einfach die Energie zu gehen, zudem wisse nur jede fünfte Betroffene überhaupt Bescheid wo und wie sie Hilfe findet, berichtetet die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Würzburg, Petra Müller-Merz. Nur gut ein Drittel der Frauen, ergänzte Anna Elisabeth Thieser vom SkF, finde von sich aus den Weg ins Frauenhaus. Die übrigen kämen über Vermittlung professioneller Dienste dorthin. In Zeiten, in denen Frühwarnsysteme wie Schulen und Kindergärten durch Corona Lockdown wegfielen, auch schwierig.

Folgende Expertinnen nahmen teil:
- Ruth Müller, frauenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion
- Hülya Düber, Bezirksrätin und Sozialreferentin Würzburg
- Christine Haupt-Kreutzer, stellvertretende Landrätin
- Brita Richl, AWO Frauenhaus
- Anna Elisabeth Thieser, SkF Bereichsleitung Frauen- und Sozialberatung
- Polizeihauptkommissarin Carolin Rothaug, Beauftragte für Kriminalitätsopfer
- Petra Müller-Merz, Gleichstellungsbeauftragte Würzburg
- Carmen Schiller, Gleichstellungsbeauftragte Landkreis Würzburg
- Elisabeth Kirchner, Wildwasser e.V.
- Heidi Wright, Landtagsabgeordnete a.D, Initiative Frauenhausförderverein Würzburg
- Angelika Voeth, Arbeitsgemeinschaft Würzburger Frauen und Frauenorganisationen e.V. (AWF)
- Freya Altenhöner (Vorsitzende der WürzburgSPD)

Teilen