„Wir fallen durch das Raster!“

24. Juli 2020

Unterfränkische Kulturschaffende berichten dem Abgeordneten Volkmar Halbleib von ihrer prekären Situation

„Die vergangenen Monate waren heftig“, beschreibt die Kabarettistin Birgit Süß ihre Situation. „Leider bleibt das in Herbst und Winter so, auch wenn wir jetzt mit Auflagen wieder auftreten können“. Süß nimmt an einer Videokonferenz des SPD-Landtagsabgeordneten Volkmar Halbleib teil. Dieser hatte zum digitalen Kultur-Dialog geladen, weil er der Überzeugung ist, dass es nach wie vor großen Verbesserungsbedarf bei den Corona-Hilfen für Kulturschaffende gibt und sich mit den Betroffenen darüber austauschen wollte. Und tatsächlich: Die Berichte der Kulturschaffenden klingen alarmierend.

„Wir verschieben jetzt schon die Termine im Herbst“, erzählt beispielsweise Bauchredner Sebastian Reich. Die nach wie vor herrschenden starken Beschränkungen machen einen lohnenden Betrieb beispielsweise von Theatern fast unmöglich. „Die Obergrenzen bei den Teilnehmerzahlen für kulturelle Veranstaltungen müssen aufgebhoben werden. Mit Blick auf die Lockerungen in anderen Lebensbereichen sind sie nicht mehr zu rechtfertigen“, bekräftigt Halbleib. Csaba Béke vom Theater Chambinzky bestätigt: „Der Freistaat hat es sich einfach gemacht. Es wird schlicht pauschalisiert. So ist kein kostendeckender Betrieb möglich“. Der Theaterleiter schlägt vor, das Publikum in sogenannter Schachbrettbesetzung im Zuschauerraum zu verteilen.

Viele Spielstätten sind aus dem bayerischen Stabilisierungsprogramm von vornherein ausgeschlossen. „Wir fallen durch das Raster“, so Béke. Wer durch die Kommune institutionell gefördert wird, ist nicht antragsberechtigt. „Die Kultureinrichtungen erhalten in zum Teil sehr geringem Umfang institutionelle Förderungen, die aber nicht die Ausfälle decken können. Diese Förderhürde muss gestrichen oder durch eine prozentuale Unterschwelle ersetzt werden“, fordert Halbleib.

Auch das Hilfsprogramm für solo-selbstständige Künstler habe sich in der Praxis als völlig ungeeignet für die tatsächlichen Bedürfnisse der Betroffenen erwiesen. Ralf Duggen vom Dachverband freier Würzburger Kulturträger berichtet: „Die Soforthilfen sind ein Witz, solange die laufenden Lebenshaltungskosten nicht berücksichtigt werden“. Für Halbleib ist die Regelung in Baden-Württemberg ein gutes Vorbild, die einen fiktiven Unternehmerlohn von monatlich bis zu 1.180 Euro zu berücksichtigt.

Dierk Berthel vom Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Unterfranken bedauert, dass die Kultur wirtschaftlich oft unterschätzt wird. Mit rund 300.000 Beschäftigten seien Kulturbetriebe in Bayern quasi die Nummer zwei bei den Arbeitgebern, gleich hinter der Autoindustrie. Auch Posthallen-Macher Jojo Schulz, Stefan Merk vom Theater Augenblick, Bezirksheimatpfleger Klaus Reder, Bezirks-Popularmusikbeauftragter Benjamin Haupt und die Kulturamtsleiterin der Stadt Würzburg Kathrin Jacobs sahen wie der Abgeordnete Nachbesserungsbedarf, bei der finanziellen Unterstützung ebenso wie beispielsweise auch bei klar nachvollziehbaren Regeln für Kulturveranstaltungen entsprechend denen in Einzelhandel, Gastronomie, beim Sport oder im Vereinswesen. „Kultur ist mindestens so wichtig wie etwa der Brückenschoppen“, so die Parole.

Kulturschaffende und alle in diesem Kontext Beschäftigten, fasst Halbleib einen weiteren Tenor des Gespräches zusammen, bräuchten nicht nur Planungssicherheit und damit Zukunftsperspektiven, sondern auch weiterhin einen finanziellen Ausgleich für ihre Einkommensverluste. „Schließlich sind sie in ihren Verdienstmöglichkeiten nach wie vor und noch bis in den Herbst hinein sehr eingeschränkt.“

Das Angesprochene hat der Abgeordnete anschließend in einem Schreiben an den Kulturminister des Freistaates zusammengefasst. „Lassen Sie uns gemeinsam für die Verbesserungen kämpfen“, fordert der mainfränkische Abgeordnete Bernd Sibler darin auf.

Am besten sei, waren sich alle Gesprächspartner einig, die Auftrittsmöglichkeiten deutlich zu verbessern, unter Hygieneauflagen, wie sie anderswo auch gelten. „Denn jeder Euro, den Kulturschaffende durch eigene Arbeit verdienen können, ist ihnen 1000mal lieber als eine noch so gute staatliche Unterstützung.“

Schreiben an Staatsminister Bernd Sibler (Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst) (PDF, 618 kB)

Räumlich getrennt und doch in vielen Punkten nah beieinander waren MdL Volkmar Halbleib und seine Gäste beim Kultur-Dialog
Räumlich getrennt und doch in vielen Punkten nah beieinander waren MdL Volkmar Halbleib und seine Gäste beim Kultur-Dialog

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